Tanz um den Hering

 Ein Ausflug nach Wismar

Brahlstorf, Pritzier, Moidentin – auf dem Weg nach Wismar rollt der Regionalexpress durch allerlei Ortschaften, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Oder Fuchs und Hering? Unser Ausflug in die Hansestadt an der Ostsee fiel zufällig mit den Heringstagen zusammen, die Wismar jedes Jahr in einen Taumel feuchtfröhlicher Extase stürzen.

Schon auf unserem Weg durch die Altstadt wabberten uns dunstige Schwaden des fettigen Bratfischs entgegen. Wir liefen tapfer weiter und erreichten unter einigen Anstrengungen den Marktplatz. Es bot sich ein Bild des Entsetzens: Hering gebraten, gekocht, mit Gräten oder zerlegt, in Suppe…ja Teufel, ich sah sogar einige Kinder die mit einem Hering-Eis am Stiel vorbeiliefen. Die ganze Stadt, so schien es, war dem fettigen Fisch aus dem nahen Meerbusen verfallen. Auf einer Bühne krächzten sich zwei alte Männer an und rissen maue Witze über das Leben am Meer. Dumpfes Lachen an den Biertischen davor. Und über allem schwebte der Geruch von gebratenem Hering…

Die Frau in der Touristeninformation musterte uns misstrauisch. „Zum Strand?“, fragte sie und runzelte die Stirn. Es schien ihr unbegreiflich, dass man diesem Treiben entfliehen wollte, ja überhaupt Anstalten machen konnte, dem vermutlich größten Fest im Jahr in Wismar den Rücken zu kehren. Dann rückte sie doch raus mit der Sprache: „Ist aber ganz schön weit ohne Auto“, sagte sie und empfahl uns einen Stadtbus.

Sicherheitshalber erkundigten wir uns beim Busfahrer noch, dass es sich nicht um eine dieser berüchtigten Fisch-Verkaufsfahrten handelte. Erst besucht man eine „Infoveranstaltung“ zum Thema Heringsfang, dann gibt es Gelegenheit zum Einkauf von Heringsprodukten (Dosenfisch, Badeöl…) und zum Abschluss eine Rundfahrt auf dem Fischkutter durchs Hafenbecken. Doch wir hatten Glück: Er fuhr tatsächlich in das Seebad Wendorf am Rande von Wismar.

Das Seebad Wendorf hat einen Yachthafen, eine Kindertagesstätte und eine Seebrücke. Viel wichtiger aber: Wer möchte, hat von hier einen ganz ausgezeichneten Blick auf die Industrieanlagen von Wismar am anderen Ufer. Wer nicht möchte, guckt einfach in die andere Richtung. Wenn man sich aber zum Gucken entschlossen hat, wird man nicht umhin kommen, einen großen Vorteil der Rauchschwaden zu erkennen, welche die Schlote unablässig in die Luft pusten: Man weiß immer aus welcher Richtung der Wind weht. Ein nicht zu unterschätzender Wissensvorsprung gegenüber den Nicht-Guckern!

Die Felder der Landwirte grenzen in Wendorf direkt an den Strand. Und so roch es auch etwas ländlich, was für einen irritierenden Eindruck sorgte: Wer schon einmal auf das Meer mit seinem sanften Wellengang geguckt hat und dabei die ganze Zeit den Geruch von frischem Dung in der Nase hatte, weiß was ich meine. Und wer es nicht weiß, sollte unbedingt mal nach Wismar an den Strand fahren!

Auf der Rückfahrt erwischen wir irgendwie den falschen Bus. Jedenfalls fährt uns der Fahrer eine gute Stunde lang durch alle Vororte und Gewerbegebiete von Wismar. Reisefüchsin Wiebke machte sich schon Sorgen, vermutlich befürchtete sie, dass der Bus jede Minute vor einer grauen Fischfabrik hält und erst weiterfährt, wenn wir mindestens 10 kg Hering in Dosen  kaufen. Doch dann biegt der Bus doch noch in die schon bekannte Bahnhofsstraße ein. Es ist spät geworden und wir haben Durst. Jetzt einen Kaffee?

Das Café „Milchmädchen“ in der Altstadt scheint der einzige Ort in Wismar zu sein, an dem in diesen Tagen kein Hering serviert wurde. Es ist ein kleiner Laden, eingerichtet wie eine Puppenstube. Hinter der Theke ein Mann in den späten Dreißigern, der so aussieht als hätte er in der Nacht zuvor lange und ausgiebig gefeiert. Wir setzen uns an einen winzigen Tisch am Fenster. Der Mann kommt hinter seiner Theke hervor, die etwa einen Meter von unserem Tisch entfernt stand und überreicht uns die Karte. Dann schlurft er hinter seine Theke zurück. Von dort beobachtet er uns und startet gleichzeitig Flirtversuche mit einer älteren Frau am Nebentisch, die wohl schon auf die Sechzig zugehen mag. Nervöses Kichern, sie wird doch tatsächlich rot…

Ich blättere in der Karte. Vielleicht liegt es an den Heringstagen, die draußen immer noch toben, in jedem Fall sind die Preise hier gesalzen wie ein eingelegter Matjes. Ein Latte Macchiato kostet 2,50 Euro, ein Glas Milch zwei Euro. „Das bestellen nur Leute, die kein Geld haben“, merkt der Thekenmann an und lacht.

Dann bringt er meinen Latte Macchiato. Es ist der vermutlich kleinste Latte Macchiato, den ich je in meinem Leben getrunken habe. Wenn nicht der Milchschaum in dem winzigen Glas gewesen wäre, hätte ich das Ganze vermutlich für einen Espresso gehalten – so hielt ich es einfach für einen schlechten Scherz.

Umso schneller sind wir natürlich beim Bezahlen und die Stunde von Wiebke hat geschlagen. Sie reicht dem Mann vom Café Milchmädchen einen Fünzig-Euro-Schein. Minutenlang sucht er nach Kleingeld, kann aber nicht genug finden. „Hast Du es nicht passend?“, fragt er genervt. Nö, haben wir nicht. Trinkgeld gibt es auch nicht, ist eine Milchmädchenrechnung (hoho!). Schließlich findet er doch noch etwas Wechselgeld und kann uns auszahlen.

Auf der Rückfahrt sitzt eine Senioren-Ausflugsgruppe aus Berlin hinter uns im Zug. Sie unterhalten sich lautstark, haben wohl das ein oder andere Bier zum Hering mit dazubekommen. „Sag mal hat dir dein Hering eigentlich geschmeckt?“, fragt der Mann seine Frau. „Nö, irgendwie viel zu fettig. Und dir?“ – „Ne auch nicht…“ Dann schweigen sie und trinken noch einen Korn.

Advertisements

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s