Donetsk in 24 Stunden

Eine kurze Reise in den Osten der Ukraine

Donetsk? Heißt das nicht…Dnipropetrowsk? Solche und ähnliche Bemerkungen musste ich mir anhören, als ich meine Reisepläne kundtat. Doch unbeirrt machte ich mich auf den Weg – und staunte nicht schlecht, was ich in dieser Stadt im Osten der Ukraine erlebte.

Der Erste, den ich in Donetsk kennen lerne, ist Alexander. Mit einer Warnjacke bekleidet steht der Bodenmitarbeiter an unserem Flugzeug und begleitet uns im Bus zum Terminal. Eine flüchtige, einmalige Begegnung, denke ich. Doch ich treffe ihn wieder. Bei der Abreise steht er am Check-in Schalter und stellt mir meine Bordkarte aus. Als ich am (einzigen) Gate eintreffe, ist er schon da, kontrolliert die eben ausgestellten Bordkarten und fertigt das Flugzeug ab. Auf Menschen wie Alexander muss man sich verlassen können auf einem so kleinen Flughafen, sonst liegt der Betrieb lahm.

Doch das wird sich bald ändern. Wie mir Alexander gleich nach der Ankunft berichtet, ist Donetsk einer der neun Austragungsorte der anstehenden Fußball-EM. Fünf Spiele werden in der Donbass Arena stattfinden, die über 51.000 Zuschauer fasst. Um die Massen an Fans angemessen empfangen zu können, baut der Flughafen ein neues Terminal – das sowohl architektonisch als auch hinsichtlich des Baufortschritts an den Flughafen Berlin-Brandenburg erinnert – und eine neue Start- und Landebahn. Ein prestigeträchtiges Mammutprojekt, doch was wird nach der EM? Wird Donetsk, mit gut einer Million Einwohnern die fünftgrößte Stadt in der Ukraine, auch über das Großereignis hinaus Touristen anziehen? Um das einschätzen zu können, mache ich mir zunächst ein Bild von der Stadt.

Bei der Fahrt ins Zentrum bekomme ich einen ersten Eindruck. Donetsk ist jung, entstanden vor etwas mehr als hundert Jahren als Zentrum der Schwerindustrie und des Kohlebergbaus in der Region. Noch heute sind beide Industriezweige die wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. In den Straßen von Donetsk reihen sich sowjetische Plattenbauten an hochmoderne Bürogebäude aus Stahl und Glas, durchbrochen von einigen neoklassizistischen Gebäuden (und solchen, die so aussehen sollen). Breite Straßen werden gesäumt von riesigen Werbeplakaten, Trolleybusse bahnen sich den Weg durch den dichten Verkehr. Am Straßenrand türmen sich graubraune Schneeberge, in einem kleinen Park um die Ecke wird schon eifrig geräumt und geharkt.

Da es mich in jeder Stadt ans Wasser zieht, führt mich mein Weg am nächsten Morgen  zu einem der beiden Wasserreservoirs im Zentrum, dem Nyzhnekalmius. Es ist einer der ersten Frühlingstage in diesem Jahr, doch auf einer soliden Eisschicht tummeln sich noch Eisfischer, die in dicken Jacken vor kleinen Löchern sitzen und auf den Fang des Tages warten. Sie wirken, als gehe sie der dichte Autoverkehr genauso wenig an wie die Berufstätigen, die über die Brücke hetzen und versuchen, im letzten Moment auf die Straßenbahn aufzuspringen.

In anderen Städten ehemals kommunistischer Länder hat man die Helden von damals aus dem Stadtbild verbannt. Sie wurden zerstört, abmontiert und abtransportiert, einige stehen heute in Kellern von Museen oder fristen ihr Dasein in einem Skulpturenpark weit außerhalb der Stadt. In Donetsk hingegen beherrscht noch immer eine gewaltige Lenin-Statue den zentralen Platz, als hätte sich nichts verändert in den letzten zwanzig Jahren. Der ehemalige Vorkämpfer der Arbeiterbewegung blickt gleichmütig über das bunte kapitalistische Treiben unter ihm hinweg. Die Donetsker scheinen ihren Lenin derweil einfach zu ignorieren.

Geschichten über die Menschen von Donetsk gibt es viele zu erzählen, so wie die von Sascha. Der freundliche Mann in den späten Vierzigern hat ein rundes Gesicht und ein verschmitztes Lächeln. Er ist beruflich erfolgreich, sein Sohn studiert Flugzeugbau, wie er selbst. Alles in allem könne er nicht klagen über seine persönliche Situation.

Dann erzählt er mir von seinem Freund Dima, dessen Auto gerade bei einem kleinen Unfall zu Schaden gekommen ist. Ein Mercedes (dies ist anscheinend wichtig zu erwähnen) hat ihm beim Rangieren auf dem Parkplatz den rechten Seitenspiegel abgefahren und kurzerhand das Weite gesucht. Dima konnte sich gerade noch das Kennzeichen merken. Sogleich habe er seinen Freund bei der Polizei angerufen. Um Anzeige zu erstatten? Nein, der Polizist suchte die Adresse des Mercedes-Fahrers aus der Datenbank und gab sie ihm. Jetzt könne Dima seinen Widersacher aufsuchen und ihm einen schönen langen Kratzer in seinen Mercedes machen.

Funktioniert so die Justiz in der Ukraine? „Um solche Kleinigkeiten kümmert sich die Polizei doch nicht. Das läuft bei uns anders als bei euch in Europa“, sagt Sascha. Sein Satz verdeutlicht, wie weit Donetsk, wie weit die Ukraine noch von uns entfernt ist. Die Fußball-EM wird daran nichts ändern, genauso wenig wie sie vermutlich langfristig Touristenmassen aus dem Ausland anziehen wird. Aber vielleicht wird sie uns helfen, Donetsk auf unserer „mental map“ einzutragen und in Zukunft einen Unterschied zu machen zwischen Donetsk und…Dnipropetrowsk?

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Ein Gedanke zu „Donetsk in 24 Stunden

  1. Super Bericht über die Ukraine, Osteuropa hat einen ganz besonderen Lebenstil und die Menschen sind vom Kommerz noch nicht so „manipuliert“. Trozdem ist die Armut in weiten Teilen der Bevölkerung enorm, man sieht auf den Autobahnen zwischen Österreich und Ungarn wenn man Ukrainische Kennzeichen sieht entweder Luxus Marken wie Audo, BMW, Daimler oder Skoda – eine breite Mittelschicht scheint sich noch nicht entwickelt zu haben.
    Weiterhin viel Spass beim Reisen!

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