Amerikaner ticken anders

Manchmal muss man für eine Blog-Geschichte über die USA gar nicht lange recherchieren, manchmal reicht eine Fahrt im Bus M29 durch das Zentrum Berlins. Zwei Frauen Mitte fünfzig sitzen hinter mir und unterhalten sich. Frau Nummer Eins hat ein Einladungsschreiben dabei, welches sie Frau Nummer Zwei laut vorliest: „Redakteur XY vom Tagesspiegel, seit Jahren passionierter Kenner der Materie, wird über Präsident Obama sprechen und dabei auch die Frage klären, warum die Amerikaner so anders ticken als wir.“ – „Gibt es da auch was zu essen?“, fragt Frau Zwei. „Hm, also hier steht: Wir wünschen viel Vergnügen. Leider nicht ‚Guten Appetit‘“, kontert Frau Eins.

Trotz dieser Schlappe in Sachen Verpflegung lässt die beiden das Thema des Vortrages nicht mehr los. „Die Amerikaner ticken ja wirklich völlig anders als wir“, sagt die erste Frau. Da sei zum Beispiel die große Begeisterung von „fast allen Leuten“ für die Republikaner. Die seien ja eine anerkannte „Kriegstreiber-Partei“, deren Politik vor allem dazu führe, dass sich Leute gegenseitig erschießen. Außerdem seien die Republikaner ja „Rechts hoch 3“, fügt sie noch bekräftigend hinzu. Was natürlich zu der naheliegenden Frage führt, was Rechts³ eigentlich ergibt. In jedem Fall noch viel mehr Rechts – aber darauf gehen die Frauen nicht weiter ein. Stattdessen äußern sie die Vermutung, dass die Bewohner des Landes im Kern ja „unpolitisch“ seien.

Das Problem der Amerikaner scheint in ihrer Intelligenz zu liegen, wie Frau Eins weiter ausführt: „250 Mio. Menschen – da kannst du dir ja ausrechnen, wie viele Gebildete es da gibt“, sagt sie. Ja, diese Rechnung möchte man als mehr oder weniger Gebildeter natürlich schon gerne mal sehen…nimmt die Intelligenz etwa parallel zur Bevölkerungszahl ab? In diesem Fall könnte es für die USA ganz schön schlecht aussehen: Laut Wikipedia leben nämlich nicht 250 Mio. Menschen dort, sondern schon 311 Mio. Aber wer weiß, ob man dieser crowdgesourcten Zahl überhaupt noch vertrauen kann…

Doch meine Mitfahrerinnen im M29 sind schon weiter: „Was sie haben, nennen sie ja ‚Demokratie‘“, sagt Frau Eins, die das Rederecht in Sachen USA zu haben scheint. „Hm, aber ich weiß nicht, ob es bei uns demokratischer ist“, sagt die zweite Frau. „Wir wählen ja auch nur unsere Vertreter, damit die für uns entscheiden“. Anscheinend handelt es sich bei den beiden um eine Ausflugsgruppe der direkten Demokraten…na das kann ja heiter werden!

Doch nicht alles ist schlecht in den USA. Nachdem die Amerikaner beim Thema Intelligenz so gepatzt haben, können sie nun beim Thema Bildung punkten. „Die Ganztagesschulen dort sind richtig klasse“, sagt Frau Eins. „Meine Tochter war ja als Kind da. Im sechsten oder siebten Schuljahr wurden dort Instrumente verteilt. Der eine kriegte eine Oboe, der andere eine Geige. Meine Tochter bekam eine Trompete“, erzählt sie begeistert. „Es kann natürlich sein, dass die Schulen in den ärmeren Vierteln nicht so feudal ausgestattet sind“, fügt sie erklärend hinzu. In Deutschland gebe es so einen Unterricht jedenfalls gar nicht mehr. Höchstens noch in einer Waldorfschule.

Da keine Waldorfschüler in der Nähe sind, um diese These zu untermauern, verebbt das Gespräch der beiden. Am Anhalter Bahnhof steigen sie aus.

Ratlos bleibe ich im Bus zurück: Was soll ich nach all dem von den Amerikanern halten? Sie sind dumm, aber gut gebildet. Sie wählen ultrarechte Kriegstreiber-Parteien, aber sind eigentlich unpolitisch. Und sie verteilen scheinbar willkürlich Instrumente an kleine Kinder. Da kann einem ja Angst und Bange werden…

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